Sie lehnen an der steilen Burgleite, wie an einem Berghang und von ferne wirkt die Szene - je nach Beleuchtung - italienisch oder fränkisch oder alpin.

Wo es steht, brandete vor Jahrmillionen die Ur-Donau an. Die hohen Felsen sind von ihren gewaltigen Wassern aus der weichen Erde herausgewaschen und vom Zahn der Zeit zu diesen imposanten Felstürmen modelliert worden.

Das Tal ist weiter und breiter, als es die Altmühl, die zierliche, je ausfüllen konnte. Und das Haus steht also am Ufer, an der Uferböschung, der Ur-Donau.

Sein ältester Teil ist der Nordgiebel, der fast fensterlos dasteht und den Abschluß des Marktes bildet. Seit etwa tausend Jahren. Er ist Teil der uralten Marktbefestigung, die sich einst den ganzen Hang hochzog und mit der Burg eine Einheit bildete. (Im Osten des Marktes, wo die Fahrstraße zur Burg hochzieht, ist noch ein halbverfallener Turm sichtbar, der zu dieser Marktbefestigung gehörte. Und wer den Fußweg entlang läuft, der sich am Burghang parallel zur Torstraße hinzieht, kommt in Höhe des Hauses Nr. 8 an einem Mauerrest vorüber, der einst zur Burgb

efestigung gehörte, wie auch der Hausgiebel).

An diesem Nordgiebel wurde Anfang des 17. Jahrhunderts, möglicherweise kurz nach dem 30jährigen Krieg, das Haus angefügt. Jedenfalls die "oberen" und die "vorderen" Mauern. Die Basis-Mauer, an der das alte Kipfenberger Tor ansteht, dürfte - in Teilen jedenfalls - älter sein. Der Kirchenmaler B. Holderieth hat an mehreren Stellen des Hauses die Schichten der Anstriche auf den Mauern freigelegt. 35 Mal wurde mit Pinsel und Waschel eine neue Farbe aufgetragen, seit die Wände errichtet wurden. "Im Schnitt alle 10 Jahre", weiß der Fachmann. "Früher noch seltener, manchmal nur ein einziges Mal in einer Generation, später etwas häufiger, aber im Durchschnitt alle zehn Jahre." So errechnet sich das Alter des Gebäudes. Runde 300 Jahre hat es auf seinem buckligen Mauern.

Es ist ein typisches Jurahaus, aus Kalk-Bruchsteinen gemauert und mit Kalkplatten gedeckt (Legschiefer). Alexander von Reitzenstein schrieb darüber vor dem Abbruch so vieler alter Jurahöfe im Jahr 1955: "Wände aus Bruchsteinmauerwerk, verputzt, eingebrochen die nötigen Öffnungen Tür und Fenster, das Legplattendach, das mit der Sparrenkante in der Wandfläche bleibt - so sieht dieses Jurahaus aus; man muss schon in italienische oder französische Dörfer gehen, um so gemäurige Behausungen anzutreffen."

Die starken Mauern haben alles überstanden: Kriege, Feuersbrünste, Reiche.

In der Eingangshalle, nahe der Treppe, steht ein Säulen-Torso. Er stammt wohl aus einem Sakralbau - vielleicht aus einem Gemäuer der Burg Arnsberg. Das Fragment steckte in der Wand des Nordgiebels, dort, wo im heutigen Schlafzimmer wieder der Holzbalken aufliegt. Die gotische Säule ragte gute 60 Zentimeter aus der Wand, aber wohl ebenso tief hinein. Die Maurer wagten nicht, sie im gesamten zu bergen, aus Angst, der Giebel würde sonst zusammen stürzen. Deshalb schlugen sie das herausragende Stück ab. Der damals noch ansässige Bildhauer Ludwig Weber stellte es auf einen Sockel und wir rückten den Torso ins rechte Licht zur Erbauung für uns heute Lebende ...

Lange Zeit trug das Haus, zu dem nebenan ein Fachwerkstadl gehörte, den Namen "Lindl-Anwesen", benannt nach einem früheren Besitzer dieses Namens. Die letztens Bewohner von Haus Torstraße hießen Riedel. Sie blieben kinderlos. Nachdem die Frau verstorben war, lebte der Mann noch einige Jahre in diesen Mauern. Während dieser Zeit verfiel das Anwesen bereits. Sein Leben beendete der Mann schließlich im Altenheim. Das Anwesen stand viele Jahre leer, verfiel weiter, wurde restlos ausgeplündert. Möbel, Bilder, Hausrat, Erinnerungen, der Kachelofen, ja selbst Bodenfliesen wurden entwendet. Einzig ein etwas kitschig wirkendes Bild, wie es nach dem 1.Weltkrieg in vielen deutschen Heimen hing ("Abends kehr ich heim in Frieden...") hatte niemand haben wollen. Es baumelte verstaubt an einem lockeren Nagel in der Stube - wo es jetzt (neben dem Kachelofen, Whg.1) auch wieder hängt.

Zur Hauseinweihung schenkte der Makler Hans Kirschner, der viel Inventar an sich genommen hatte, den heutigen Besitzern das stark in Mitleidenschaft gezogene Bild - eine Komposition aus Grafik, frommem Text und Fotos von Arnsberg, seiner Wallfahrtskirche St. Sebastian (von innen), sowie zweier früherer Geistlicher.

Auch dieses Andenken an frühere Bewohner hängt wieder in etwa an seinem Platz. Eineinhalb Jahrzehnte hatte das Haus nach dem Tod des alten Bauern Riedel leer gestanden. Der Regen rann durchs Dach, der Moder zerfraß Wände, Decken, Balken. Das Haus drohte einzustürzen. Weil es unter Denkmalschutz stand, wollte es lange niemand haben.

Während einer Reportage entdeckte es Hans Wagner, der jetzige Besitzer, und die Liebe zu diesem alten geschundenen Obdach so vieler Menschen in so langer Zeit überkam ihn, übermannte ihn. "Vielleicht auch deshalb, weil ich im Elternhaus selbst die Rauchküche noch erlebt hatte und die dazugehörige Großmutter, die mit ihr eine Einheit bildete von einer bodenständigen Echtheit, Schlichtheit und Lebensart, die wir nicht mehr kennen und noch nicht wieder erlangt haben - oder auch nicht mehr erlangen können", sagt er.

Alles was zu erhalten war, ist geblieben. Das waren vor allem die Mauern. Was nicht mehr zu retten war - es waren vor allem die Balken, das Dach - wurde ergänzt. Alles was neu ist, lässt sich mühelos als neu erkennen. Eine Vortäuschung oder Vertuschung hat es nicht gegeben. Der Keller war zum Teil eingestürzt. Das Flickwerk ist zu sehen. Wo alte und neue Mauerstücke sich treffen, entstanden neue Buckel und Narben. Der Kachelofen ist ca. 100 Jahre alt und stammt aus einem abgebrochenen Haus aus der Gegend von Beilngries. Die Möbel, soweit sie alt sind, sind aus der Gegend und in Jahren gesammelt. Der Holz-Herd in der Küche hat alle Bau-Katastrophen erlebt. Er stand fast ein Jahr im Freien. Mit Hilfe des jungen Ofenbau-Meisters Geyer aus Denkendorf (von ihm wurde auch der Kachelofen aus Beilngries eingebaut) wurde er wieder in Gang gebracht und ganz sachte repariert. Er ist gebrauchsfähig. Die Holzdecke ist originalgetreu, so wie sie immer war.

Von Hebst 1987 bis Herbst 1988 dauerten die Renovierungsarbeiten. Seither ist Haus Torstraße keine Ruine mehr und keine Baustelle, sondern wieder Wahrzeichen von Arnsberg. Alt und schön, aber wohnlich und erholsam. Hoffentlich wieder für viele Generationen.

Im alten Gewölbekeller lagern nicht mehr Kartoffeln und Rüben, sonder vor allem Weine. Aus dem Heuboden ist eine herrliche Wohnung geworden, mit großzügigen Räumen und wohligem Komfort.

Der Stadl ist wiedererrichtet. Seine unteren Räume sind so hoch, wie zu der Zeit, als noch die Heuwagen hinein fuhren. Das Bild am alten Kipfenberger Tor ist fast wie einst. Etwa da, wo Arnsberg einst angefangen hat, an Wehrmauer und Tor, ragen nun wieder Giebel und Dächern wie ehedem...

Vor der Renovierung diente Haus Torstraße 8 als Kulisse für das Theaterstück Meier Helmbrecht.